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Nachgedacht

Ob das Verhaltens oder besser noch, das  Reaktionsschemas eines Traders vorgezeichnet ist? – Spannende Frage

 

… ein seltsamer Begriff taucht auf

Würde man die Kamera hinter so manchen Trader aufstellen, so hätte man die Möglichkeit, einen der dümmsten Tradingfehler eines Tradinganfängers  mitzuerleben. Auch benannt als »Traden jenseits des Rumrutschfaktors«.

Zugegebenermaßen ein eigentümlicher, oft belächelter Begriff – gleichwohl klar sein muss, dass dessen Inhalt und nicht ein akademisch-hochtrabender Begriff wichtig ist. Und genau dieser Terminus »Rumrutschfaktor« wird für eine der riskantesten Sachen, verwandt: Ein jeder Händler »rutscht« ab einem gewissen Betrag auf seinem Stuhl herum. Denn ab irgendeinem Betrag schlägt das Herz eines jeden Händlers schneller. Irgendeiner absoluten Zahl in Euro oder Dollar huldigen wir alle, weswegen der Rumrutschfaktor durch jenen Geldbetrag definiert ist, bei dem die »subjektive Leidenschaft« eine »objektive Ungewissheit« für markttechnische Gegebenheiten erfährt und damit die Erfüllung und Sicherheit des Lieblingshandelsstils einer unsicheren, ungewissen Zukunft überantwortet. Bei Erreichen beziehungsweise Überschreiten seines Rumrutschfaktors hält ein jeder Trader im ersten Augenblick die Maus plötzlich fest umklammert, während er im zweiten bereits verwirrt überlegt: »Was hat der Drecksmarkt mit meiner Position v-o-r ?«, während im dritten Augenblick der Dämon »Aber in diesem einzelnen Trade mach ich mal …« bereits interveniert und das weitere Handeln an sich gerissen hat, sodass der Wille zum fachlich richtig vorgenommenen Handeln im Treibsand der Gefühle versinkt.

 … das war fachlich nicht nur falsch, sondern menschlich sogar richtig 

Vorab: Die Wirkung des Rumrutschfaktors auf jeglichen Börsenhandel lässt sich unmöglich überbetonen, wobei das Geschehen selbst eigentlich nichts Ungewöhnliches ist. Nehmen wir folgenden Verhalten als Beispiel: Eine klassische Rede von erfahrenen Trader über einen Großteil misslungenen Trades von Tradinganfängern ist immer: »Der war fachlich nicht nur falsch, sondern menschlich sogar richtig …« – eine Aussage, die ein Tradinganfänger lange nicht versteht. Man betrachtet stattdessen genau den Burschen namens »Lieblingsmarkt« Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn, –  ohnehin lautete ja leider nur allzu oft das Motto: »Ständige Rundumobservation«, – und ausgelöst durch den Druck, der wiederum in einer hohen Positionsgröße seinen Niederschlag findet, entschwindet infolge der nun entstandenen Spannung der wahre Marktverlauf aus dem Blickwinkel. Der Tradinganfänger  indessen bemerktest dies nicht, findet einfach keine Zeit, darauf acht zu geben, denn selbst die kleinste Bewegung, die Kursveränderung nur eines »einzigen« Punktes oder Euros, war unzweifelhaft viel stärker als jene Bewegung, die der Marktverlauf im Ganzen erzeugt. Noch einmal, da es eine Wiederholung wert ist: Die Veränderung der einen vorhandenen, tief ins Konto greifenden Position ist unzweifelhaft stärker als diejenige, welche der Marktverlauf im Ganzen erzeugt.

Dementsprechend ergeht es vielen Tradern so, dass sie dem wahren Chartverlauf gelegentlich nur halbe, manchmal ganze – zumindest denkt man das J –, meistens aber gar keine Beachtung schenkt, da man tief angestrengt die Erlebnisse der reinen Positionsveränderungen innerlich aufarbeitetest. Man tut dabei zwar sein Bestes, aber so richtig oft gelingt es nicht. Die gedanklichen Pausen sind zu lang, die Entscheidungen falsch oder zu spät getroffen, denn jenseits des Rumrutschfaktors beginne Disziplin und Fachwissen wie Strandgut davonzutreiben, während sich beim Starren in die Monitore glitzernde Schweißperlen auf der Stirn bildeten! Oder besser noch, als ein offenes Wort unter Männern: Man macht vor der Positionseröffnung immer einen auf Durchblicker: »Ich greif mal fix tief ins Konto …«, um dann angesichts des offenen Trades einen auf Messdiener zu machen und den Schwanz einzuklemmen, da die Nerven und Fachwissen mit dem Ich als Trader ein Duell ausfechten; dieses aber, das Körperganze, die Angst, die Gier, das Ego, der Wille, folglich die gesamte gegen den Chart abgegrenzte Person, von der Zahl jenseits des Rumrutschfaktors so davongetragen wird, dass jegliches Fachwissen und sämtliche persönlichen Vorgaben fast immer jämmerlich unterlagen, ja, unterliegen mussten, siehe Bild 1.

Aus diesem Grund ist das Auffällige dieser Erscheinungen des Rumrutschfaktors, dass bei dessen Erreichen ein gewisser Hang zur Untreue entsteht, wenn unter Treue die Einhaltung eines Lieblingssetups oder der eigenen sich gestellten Vorgaben verstanden wird, mithin ab diesem Moment alle Kursveränderungen mehr bedeuteten, als ihnen tatsächlich zukam. Es schien, möge dies auch befremdlich klingen, als wäre ab Erreichen des Rumrutschfaktors ein Trader plötzlich jeder fachlich wahrnehmenden Überlegenheit und stolzen Selbstbewusstseins beraubt und die ruhelosen Augen und darauf folgenden Aktionen vor jedem Tick und vor jedem unbedeutenden Marktgezappel jämmerlich zu Kreuze kriechen.

Ein Trader kann als Trend-, Bewegungs- oder Ausbruchshändler auftreten; er kann sich den größten übergeordneten Trend oder die mittleren, bis hinunter zum Tickchart zum Traden heranziehen, egal. Er kann ein Konto von tausend, fünfzigtausend oder hundert Millionen traden; er kann vierundzwanzig Stunden oder nur zehn Minuten am Tag mit Chart & Co. zubringen; doch das Bild, das er von seinem eigenen Rumrutschfaktor hat, das ihm von seiner Herkunft oktroyiert worden ist, bleibt und ist daher von unermesslicher Mächtigkeit.

Fazit: Sicherlich ist dieser Wert zwar nicht unauslöschlich, aber vorerst dennoch tief eingegraben und keine Frage von Bildung, Reichtum, Intelligenz, Macht, gutem Aussehen oder Nutzen für die Gesellschaft. Kurzum: Es existiert demgemäß so eine Art Blaupause, in der zwar nicht hundert Prozent, jedoch ein Großteil des Verhaltens oder besser des Reaktionsschemas eines Traders vorgezeichnet ist.

Michael Voigt

 

 

 

 

 

 

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